Verletzlichkeit zeigen: Warum Führungskräfte nicht perfekt sein müssen

Als Führungskraft kann ich mich mit meinen eigenen Sorgen und Ängsten gegenüber meinen Mitarbeitenden doch nicht zeigen!  Was, wenn mein Team mitbekommt, dass ich mich gerade gar nicht so stark fühle, wie ich nach außen vorgebe zu sein? Sollte ich über meine Gefühle sprechen?

Diese oder ähnliche Fragen bewegen Führungskräfte in meinen Coachings immer häufiger. Und die Erfahrung aus meiner Praxis liefert mir immer die gleiche Antwort: Ich halte es für eine rein theoretische Frage, ob man Sorgen und Emotionen zeigen soll oder nicht.  Denn man tut dies ohnehin immer, ob man will oder nicht. Es stellt sich nur die Frage nach dem Wie.

Vielen von uns wurde beigebracht, die eigenen Emotionen (mehr oder weniger bewusst) zu verbergen oder vor ihnen wegzulaufen. In Krisenzeiten, wie der aktuellen Corona Krise, haben alle mit starken Gefühlen zu kämpfen: Existenzängste, Sorge um die Familie, irrationale Ängste angesichts einer unsichtbaren Bedrohung. Natürlich kann ich nun bewusst darüber entscheiden, ob ich über meine Emotionen spreche. In der aktuellen Krise jedoch wird sichtbar, wie schwer es ist, Emotionen gänzlich zu verbergen. Auch Führungskräfte sind verletzlich (und damit angreifbar) und zeigen willentlich oder nicht-willentlich ihre Emotionen. Dennoch bleiben einige von ihnen in dem Glauben, dass sie während der Vorstandssitzung oder Teambesprechung eine gute Performance abliefern und (falsche) Stärke ausstrahlen (sollten).

Meine Erfahrung ist, dass Menschen, wenn sie die grundlegende Psychologie hinter der Verletzlichkeit und den damit verbundenen Emotionen verstehen, nicht nur besser damit umgehen können, sondern auch einen messbaren Effekt auf den Teamzusammenhalt erreichen. Warum verleugnen dennoch manche Manager ihre Verwundbarkeit und entscheiden sich damit faktisch, dass jeder einzelne Mitarbeitende und das Team als Ganzes und in ihrer Selbstwirksamkeit gebremst werden?

Eine Erklärungsmöglichkeit ist, dass Menschen Verwundbarkeit mit Schwäche oder Inkompetenz verwechseln. Es ist aber weder das eine noch das andere. Die falsche Logik hinter diesen Gedanken ist: Schwäche und Inkompetenz sind Eigenschaften von Verlierern. In der Wirtschaft aber geht es darum, ein Gewinner zu sein.

Zurück zur aktuellen Corona Krise und den eingangs formulierten Fragen: Wir können an uns selbst, aber auch an anderen deutlich erkennen, dass sich unser Verhalten angesichts der veränderten Rahmenbedingungen, in denen wir leben, ändert. Die einen sind gereizt, betriebsam, ungeduldig oder arbeiten viel mehr als sonst. Die anderen sind nachsichtiger, entspannter und fürsorglicher, vielleicht aber auch gleichgültiger. Dabei nehmen Mitarbeitende das veränderte Verhalten ihrer Führungskräfte – und damit auch ihre Emotionen (!) – sehr wohl wahr. Hier gelten die gleichen Gesetze wie in allen zwischenmenschlichen Beziehungen.

Und es ist verständlich: Mitarbeitende wünschen sich in Zeiten wie diesen Führungskräfte, die Zuversicht und Optimismus ausstrahlen und nicht gleich die Segel streichen, sobald ein Sturm aufzieht. Was tun? Zusammenreißen und in den „Bin-stark“-Modus gehen?

Verletzlichkeit schafft Verbundenheit

Künstlich erzeugte Stärke wird nicht nur Schmerz und Stress bei der Führungskraft auslösen, sondern noch ein ganz anders Phänomen zu Tage fördern: Bei den Mitarbeitenden dürfte der Eindruck entstehen, dass eine Krise dem Chef oder der Chefin gar nichts ausmacht und sie selbst mit ihrer Emotion „falsch“ sind. Dieser Eindruck schafft Einsamkeit und Isolation, und gerade in Home-Office-Zeiten, können sich diese Gefühle noch verstärken. Durch diese Form der Maskerade wird zudem gemeinsames Wachstum verhindert. Leben Vorgesetzte ihrem Team vermeintliche Perfektion vor, fühlen sich die Mitarbeitenden unter Druck gesetzt, es ihnen gleichzutun – es entsteht ein Teufelskreis. In derartigen Arbeitsumgebungen zeigen Menschen nach außen hin nur eine stark redigierte Persona – eine erfolgversprechende Maske – und bringen sich nicht mit ihrer ganzen Persönlichkeit ein. Das kostet Mitarbeitende Kraft und die Firma eine Menge Geld.

Dass es viele Vorteile hat, mit der eigenen Verletzlichkeit offener umzugehen, hat unter anderem die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brené Brown herausgefunden. Welche Gemeinsamkeiten teilen Personen, die sich mit ihren Mitmenschen verbunden und von diesen geliebt fühlen? Sie nehmen sich selbst an mit all ihren Schwächen und bemühen sich erst gar nicht, diese zu verbergen. Indem sie das Risiko eingehen, sich verletzlich zu zeigen, erhöht sich ihre Fähigkeit zum Empfinden positiver Gefühle wie Freude, Verbundenheit und Kreativität. Je berührbarer wir uns zeigen, desto nahbarer sind wir für andere. Dennoch herrscht in vielen modernen Organisationen noch der Anspruch: Gefühle gilt es zu unterdrücken, um Stärke zu zeigen. Aber die Forschung zeigt längst, dass Verletzlichkeit alles andere ist als eine Schwäche.

Meine Erfahrung aus der Begleitung von Teams ist in diesem Zusammenhang:

  1. Die positiven Effekte, die wir dadurch freisetzen können, dass wir uns verletzbar zeigen, überwiegen die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, bei weitem. Um Erfolg zu haben, muss man Risiken eingehen: strategische, finanzielle – und manchmal auch persönliche. Ein zu starker Fokus auf der Verhinderung von (vermeintlichen) Schwächen geht meist mit einer passiven, konservativen Reaktion auf Herausforderungen und Krisen einher.
  2. Es braucht Stärke und Mut, um sich selbst zu erlauben, verwundbar zu sein.
  3. Indem wir den Mut haben, uns verletzlich zu zeigen, kommen wir mit uns und unserer Umwelt in einen unmittelbareren Kontakt und sind dadurch zufriedener und ausgeglichener.
  4. Angst, Zweifel und Kritik werden immer da sein. Die Angst ist die große einschränkende Kraft, sich emotional zu zeigen. Da Angst und Kritik immer in irgendeiner Form vorhanden sein werden, bieten sie auch eine Chance, sich trotzdem zu zeigen und damit einen Schritt vorwärts zu gehen.
  5. Der Glaube, dass wir, wenn wir perfekt wirken und scheinbar perfekt handeln, Emotionen wie Scham und Angst vermeiden können, ist ein Trugschluss. Perfektionismus verhindert Wachstum, Entwicklung oder persönliche Leistung, denn er ist das Ergebnis von Angst und Vermeidung. By the way: Es kostet verdammt viel Kraft, sich andauernd verstellen zu müssen.

Von der Ohnmacht in die Selbstwirksamkeit

Fazit: Wir strahlen unsere Gefühle sowieso immer aus. Wenn das Team zu einem Ort wird, an dem sich die Teammitglieder auf einer emotionalen Ebene austauschen können, erleben Menschen das als befreiend und entspannend. Aus diesen „Beziehungsräumen“ können  Zuversicht und Erneuerung entstehen. Darüber hinaus entwickelt sich die Erkenntnis, dass wir trotz stürmischer Zeiten, Gestaltungsspielräume haben und etwas für uns tun können. Dies wiederum erzeugt ein Gefühl der Gestaltbarkeit und Selbstwirksamkeit.

Unsere Arbeitskultur ist zum Glück in einem grundlegenden Wandel begriffen. Authentizität am Arbeitsplatz wird immer selbstverständlicher – und differenzierter wahrgenommen. Psychologische Studien haben gezeigt, dass die Beziehungsqualität zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden die Arbeitsleistung, freiwilliges Engagement und Arbeitszufriedenheit deutlich beeinflusst.

Empfehlung: Laden Sie Ihre Mitarbeitenden bewusst zu Online-Gesprächen ein und eröffnen Sie den Raum für einen Austausch über die aktuelle Situation:

Wie geht’s mir gerade innerlich? Was ist mir aktuell wichtig? Wie stelle ich mir die Zukunft vor?

Überlassen Sie es Ihren Mitarbeitenden, wie sehr sich hier einbringen möchten.  Hören Sie zu. Fühlen Sie sich ein. Eine sofortige Lösung ist gar nicht gefragt. Lernen Sie ihren Mitarbeiter mit seinen Gefühlen kennen und lassen Sie ihn wissen, welche Gefühle sie haben.

Ich bin mir sicher: Das wird nicht nur ihren Mitarbeitenden, sondern auch Ihnen gut tun!